Ein deutschsprachiges Schlaraffenreych in Pennsylvania ist nichts Exotisches. Es steht auf einem Boden, auf dem seit 1683 deutsch gesprochen wird — in einer Stadt, in der die älteste deutsche Organisation der Vereinigten Staaten sitzt und in der ein Stadtteil noch heute Germantown heißt.
Penns Freibrief und ein griechischer Name
1681 erhielt William Penn von Karl II. den Freibrief für die Kolonie Pennsylvania. 1682 ließ er die Stadt vermessen und kaufte das Land den Lenape ab, obwohl der königliche Freibrief das nicht verlangte. Den Namen nahm er aus dem Griechischen: Philadelphia, Bruderliebe. Unter einer Ulme am Shackamaxon schloss er mit dem Lenape-Häuptling Tammany einen Freundschaftsvertrag.
Penns Toleranzversprechen war es, das den deutschen Südwesten erreichte — und die Auswanderer in Bewegung setzte.
Germantown 1683 und Franz Daniel Pastorius
Schon 1683 gründeten pfälzische, quäkerische und mennonitische Familien nordwestlich der Stadt eine eigene Gemeinde: Germantown, deutsch Deutschstadt. Ihr Anführer war der aus Franken stammende Jurist und Dichter Franz Daniel Pastorius (1651–1719). Die dreizehn ersten Familien waren zuvor nach Krefeld und Monsheim ausgewichen.
Fünf Jahre später, 1688, geschah im Haus von Thones Kunders etwas, das über die Gemeinde weit hinausreichte: Pastorius, Gerret Hendericks und die Brüder Derick und Abraham op den Graeff schrieben zwei Seiten gegen die Sklaverei und schickten sie der Versammlung. Es ist die erste Verurteilung der Sklaverei in Amerika — geschrieben von deutschen Einwanderern, fünf Jahre nach ihrer Ankunft.
1854 wurde Germantown Teil Philadelphias.
Die Pennsylvania Dutch
Aus derselben Einwanderung ging hervor, was man heute die Pennsylvania Dutch nennt — Pennsylvaniadeutsche. Ihre Herkunft liegt in der Pfalz und den angrenzenden Gebieten; ihre Sprache gehört sprachwissenschaftlich zum Rheinfränkischen und steht dem Pfälzischen am nächsten. „Dutch“ ist dabei keine holländische Verwechslung, sondern die alte englische Wiedergabe von „deutsch“.
1764: die älteste deutsche Organisation der USA
1764 gründeten Deutsche in Philadelphia die Deutsche Gesellschaft von Pennsylvanien — um Einwanderern zu helfen, die als Schuldknechte ins Land gekommen waren. Sie ist bis heute die älteste deutsche Kulturorganisation der Vereinigten Staaten und sitzt seit 1888 unter 611 Spring Garden Street.
Zu ihrem Haus gehört die Joseph P. Horner Memorial Library, 1817 gegründet, die größte private deutschsprachige Bibliothek außerhalb Deutschlands. Rund vier Jahrzehnte lang, bis zum Jahr 2000, war in diesem Haus auch die Burg der Filadelfia.
Zwei Vereine, die geblieben sind
- Der Cannstatter Volksfest-Verein, 9130 Academy Road, wirbt mit dem Satz „Celebrating German Heritage Since 1873“ — er pflegt das schwäbische Volksfest in Philadelphia seit über hundertfünfzig Jahren.
- Die Vereinigung Erzgebirge in Warminster wurde 1931 von Einwanderern aus dem Erzgebirge gegründet. Ihr Vereinszeichen folgt dem Wappen von Thalheim im Erzgebirge, das Clubhaus stammt von 1956, und die achtundsechzig Morgen Wald heißen „Waldesrauschen“. Nach 1989 erhielt der Verein von der Lufthansa ein Stück der Berliner Mauer, das auf dem Gelände zu sehen ist. Seit dem Jahr 2000 steht dort die Pennburg.
Als Deutsch unbequem wurde
Die beiden Weltkriege haben die deutschen Vereine Amerikas härter getroffen als die Reyche in Europa. Im Ersten Weltkrieg wurden an vielen Schulen die Deutschstunden eingestellt, deutsche Bücher aus Bibliotheken genommen, Familiennamen anglisiert.
In Philadelphia suchten Bundesagenten die Redaktion des deutschsprachigen Philadelphia Tageblatt auf und durchsuchten sie später auf Grundlage des Espionage Act von 1917 — sechs Beteiligte wurden angeklagt. Erst 1923 setzte der Oberste Gerichtshof mit Meyer v. Nebraska dem Verbot fremdsprachigen Unterrichts ein Ende.
Dass in diesen Jahren in Philadelphia weiter auf Deutsch gesippt wurde, ist belegt: Ein Junker wurde im Hornung a. U. 57 in die Filadelfia aufgenommen und im Juni 1916 zum Ritter geschlagen — mitten im Krieg.
Deutsch ist die Spielsprache geblieben
Bis heute wird in der Pennburg auf Deutsch gesippt. Das ist keine Vorschrift gegen Neugierige, sondern die Spielregel eines Spiels, das aus Wortspiel, Vortrag und Musik lebt — und Wortspiel lässt sich schlecht übersetzen.
Wer die Sprache spricht, ist willkommen. Wer sie erst lernen möchte, ebenso: Es gibt kaum einen freundlicheren Ort, Deutsch zu üben, als eine Runde, die dabei ohnehin lacht. Die ersten Besuche sind frei und unverbindlich.
Die Angaben zur Stadt- und Vereinsgeschichte dieser Seite sind mit öffentlich zugänglichen Quellen belegt — unter anderem den Darstellungen der Deutschen Gesellschaft von Pennsylvanien, des Cannstatter Volksfest-Vereins und der Vereinigung Erzgebirge. Die schlaraffischen Angaben stammen aus dem elektronischen Allschlaraffischen Reychsarchiv, überwiegend aus den Jahrgängen der Deutschen Schlaraffen-Zeitung. Der Name des Sassen, der 1916 zum Ritter geschlagen wurde, ist hier nicht genannt, weil der zugehörige Beleg unter Personenschutz steht. Stand: September 2026.